Die St.-Nikolai-Kirche in Zschortau beherbergt zwei erlesene und ausgesprochen schöne Kunstwerke.
Auf der Ostseite der Kirche steht der 1517 – also noch vor der Einführung der Reformation in Sachsen – errichtete Altar mit einzigartigen Schnitzereien und Malereien. Zu dessen zentralen Figuren zählen der Schutzheilige der Kirche, Bischof Nikolaus von Myra, der drei goldene Kugeln auf einer Bibel hält, und die Jungfrau Maria, die auf einer Mondsichel steht und das Jesuskind im Arm hält. Der unschätzbar wertvolle Altar wurde nach seiner fachmännischen Restaurierung in Dresden im Jahr 1992 wieder geweiht.
Auf der Galerie an der Westseite der Kirche steht die 1744–1746 von Johann Scheibe gebaute einzigartige Pfeifenorgel. Das von Kennern und Musikliebhabern gleichermaßen hoch geschätzte Instrument fasziniert seine Spieler und Zuhörer auch nach rund 275 Jahren noch mit seinem besonders schönen Klang. Die Orgel wurde im Jahr 2000 von Experten aus Bautzen restauriert.

Der Orgelbauer Johann Scheibe
Die Orgel in Zschortau ist das einzige erhaltene Instrument von Johann Scheibe (1680–1748), dem Orgelbauer der Leipziger Universität und Kollegen der Thomaskantoren Johann Kuhnau und Johann Sebastian Bach sowie unter anderem auch der Organisten Daniel Vetter und Johann Gottlieb Görner. Da in den Leipziger Stadtkirchen keine einzige Orgel aus der Barockzeit erhalten ist, bildet das Instrument in Zschortau – gemeinsam mit dem von Zacharias Hildebrandt in Störmthal erbauten – eine wichtige Verbindung zur Vergangenheit und erlaubt eine hör- und sichtbare Begegnung mit einer Orgel, die von Bach persönlich geprüft und gespielt wurde.

Scheibe war verantwortlich für den Orgelneubau in der Paulinerkirche der Leipziger Universität (1710–1716) – sein opus magnum, eine dreimanualige Orgel mit 54 Registern, die 1717 von Bach geprüft wurde – und den in der Leipziger Johanniskirche, ein zweimanualiges Instrument mit 22 Registern, das Bach gemeinsam mit dem Orgelbauer Hildebrandt prüfte. Außerdem baute Scheibe einmanualige Orgeln in Gundorf, Wachau, Löbnitz und Glesien sowie hier in Zschortau. Umfangreiche Renovierungsarbeiten nahm Scheibe an der Donat-Orgel in der Leipziger Neukirche (1721/22) vor, des Weiteren an der von ihm gebauten Orgel in der Paulinerkirche (1736) und an den Instrumenten in den Leipziger Hauptkirchen St. Thomas (1720/21 und 1747) und St. Nikolai (1724/25). Wie erhaltenen Rechnungsbüchern zu entnehmen ist, war er auch für die Instandhaltung der Leipziger Orgeln zuständig. Mit Ausnahme der Jahre 1727 bis 1729, in denen er sich nicht in Leipzig aufhielt, führte Scheibe regelmäßig Reparaturen aus, kümmerte sich um die alljährliche Wartung sowie um die gründliche Überprüfung und Renovierungsarbeiten an den städtischen Orgeln. Tatsächlich sind in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts sämtliche Leipziger Orgeln entweder von Scheibe erbaut oder umgebaut worden – ein Beleg für seine überragende Bedeutung auf diesem Gebiet. Die Scheibe-Orgel in der Leipziger Universitätskirche wurde um das Jahr 1840 ersetzt und die Kirche wurde 1968 gesprengt. Die Scheibe-Orgel von St. Johannis wurde vor dem Abriss der Kirche im Jahr 1894 ausgebaut. Der Spieltisch und die Orgelbank, die einzigen erhaltenen Teile der Orgel, werden heute im Museum des Bach-Archivs Leipzig ausgestellt.
Johann Scheibe wurde im Mai 1680 geboren, wahrscheinlich in Zschortau (die Geburtsurkunden für dieses Jahr sind bedauerlicherweise seit langem verschollen). Bei wem er das Handwerk des Orgelbaus erlernte, ist nicht bekannt; in Frage kämen sowohl der Leipziger Orgelbauer Christoph Donat d. Ä. als auch Eugenio Casparini, der die berühmte „Sonnenorgel“ in Görlitz gebaut hat. Am 9. November 1705 vermählte Scheibe sich in Leipzig mit Anna Rosina Hesse. Zunächst wohnte die Familie in der Querstraße, 1710 war sie aber bereits ins Paulinerkolleg der Leipziger Universität gezogen. Das Paar bekam vier Söhne, die alle in der Leipziger Nikolaikirche getauft wurden, doch nur einer der Jungen überlebte die frühe Kindheit. Johann Adolph Scheibe (1708–1776) ist uns heute noch als Begründer der Zeitschrift Der critische Musicus ein Begriff, die er von 1737 bis 1740 in Hamburg herausgab. In den Jahren 1740–1746 wirkte er als Kapellmeister am Hof König Christians VI. von Dänemark und betätigte sich als Komponist, Pädagoge, Übersetzer und Kritiker.
Johann Scheibe wurde für seinen Fleiß und seinen Erfindungsgeist gepriesen – einen Bericht über einige seiner Erfindungen veröffentlichte er 1732 in den Neuen Zeitungen von gelehrten Sachen. Besonders bekannt war seine Viol di Gamba – ein Register, das den Klang dieses Streichinstruments so ausgezeichnet imitierte, dass er es als Viol di Gamba naturell bezeichnete. Er baute auch besaitete Tasteninstrumente. Scheibe starb am 3. September 1748 in Leipzig und wurde am darauffolgenden Tag auf dem Paulinerkirchhof beigesetzt.
Die Scheibe-Orgel in der Nikolaikirche in Zschortau

Scheibe unterzeichnete den Vertrag zum Bau der Zschortauer Orgel am 30. Juni 1744; er versprach, „eine recht gute und tüchtige Orgel“ zu konstruieren mit acht Registern im Manual und drei im Pedal sowie Tremulant und „Calcanten Glocke“. Zu den spezifizierten Materialien zählten „gut rein BergZinn“ (für die Prinzipal-8’-Pfeifen in der Fassade), außerdem gutes Metall und Holz für das übrige Pfeifenwerk. Die Manualwindlade sollte „von guten ausgesottenen eichenen Böttger Tauben auf 8 Register“, die „Baß Windlade auf 3 Register von Kiefern und eichen Holtz“ gebaut werden. Gutes trockenes Holz sollte für die inneren Teile verwendet werden, Messingdraht für alle Trakturen; die Manualklaviatur sollte von Buchsbaumholz, die Obertasten aus schwarzem Ebenholz sein, die Pedalklaviatur von Eichenholz. Scheibe versah das Instrument mit einem ansehnlichen neuen Orgelgehäuse, das prachtvoll mit marmorierten Paneelen, vergoldeten Schnitzereien und Simsen sowie einer Gloriole in der Mitte ausgestattet war. Laut Vertrag erhielt er 500 Taler, außerdem weitere 60 Taler, da er mehr Register eingebaut hatte, als im Vertrag vereinbart waren. Die Kirche zahlte für den Transport seines Werkzeugs von und zurück nach Leipzig, außerdem vergütete sie sämtliche Schmiedearbeiten (etwa Schlösser und Halterungen) und stellte während der Bauzeit auch die Unterkunft für Scheibe und seine Arbeiter; allerdings mussten die Arbeiter selbst für ihre Verpflegung aufkommen. Scheibe gab eine einjährige Garantie und versprach, in diesem Zeitraum sämtliche notwendigen Reparaturen oder Anpassungen auf eigene Kosten durchzuführen.
Unterzeichnet wurde der Orgelvertrag vom Patron der Kirche, Heinrich August Sahrer von Sahr zu Zschortau und Biesen sowie vom Delitzscher Superintendenten Johann Paul Streng. Streng war es auch, der vom Zschortauer Pfarrer Johann Christoph Cademann eingeladen wurde, anlässlich der Prüfung und Einweihung der Orgel am 7. August 1746 die Predigt zu halten. (Superintendent Streng erhielt für seine Predigt 10 Taler, wobei der Gegenwert von 18 Groschen in Gerste und der Rest in bar entlohnt wurde.)
Bevor die Orgel eingeweiht wurde, wurde sie von dem großen Komponisten, Organisten und Orgelbauexperten Johann Sebastian Bach, der von 1723 bis 1750 in Leipzig als Thomaskantor und Musikdirektor wirkte, einer gründlichen Prüfung unterzogen. Bachs wohlwollender Bericht (der heute im British Museum in London aufbewahrt wird) bestätigte, dass alles „tüchtig, fleißig und wohlerbauet“ sei. Eine Abschrift des Prüfungsberichts, ohne Bachs Unterschrift, befindet sich im Archiv der Superintendentur Delitzsch. (Das Zschortauer Dokument ist einer von nur sieben erhaltenen Prüfungsberichten Bachs.) Bach schreibt, er habe die Orgel „von Stück zu Stück genau durchgegangen, probiret, und gegen den mir vorgelegten […] Original Contract fleißig gehalten, darbey aber befunden […], daß nicht allein dem Contract in allen und ieden Stücken ein Genüge geschehen, alles tüchtig, fleißig und wohl erbauet, und […] nirgends ein Hauptdefect verhanden, sondern auch über den Contract folgende Stimmen […] allesamt tüchtig und gut ge- und befunden worden seyn“.
Wie Bachs Bericht zu entnehmen ist, stattete Scheibe die Orgel viel großzügiger aus, als er sich verpflichtet hatte. Er stellte nicht nur zehn Register im Manual und drei im Pedal bereit, sondern installierte auch ein so genanntes Angehänge, einen Mechanismus, der es ermöglichte, Manual- und Pedalwerk zu koppeln. (So können die im Manual gezogenen Register auch angespielt werden, wenn die Pedaltasten bedient werden.) Um der kleinen Orgel „noch weitere Registriermöglichkeiten“ zu eröffnen, versah Scheibe das Instrument mit geteilten Registern, ein sehr ungewöhnliches Merkmal. Zwei der Register im Manual, die Viol di Gamba 8’ und die Fleut doux 4’, haben jeweils zwei Registerzüge – einen, um die beiden unteren Oktaven auf der Tastatur zu kontrollieren, den zweiten für die beiden oberen. Dieser brillante Plan erlaubt einem Organisten große Flexibilität – obwohl die Orgel zum Beispiel nur ein Manual hat, ist es möglich, eine Solomelodie mit Begleitung zu spielen, in einem Vokal- oder Instrumentalstück einen Continuo-Part mit unterschiedlichen Registrierungen in der linken und rechten Hand auszuführen, oder ein Duett mit unterschiedlichen Timbres in den beiden Stimmen zu spielen.

Doch das herausragende Merkmal der Orgel ist wohl ihr „Viol di Gamba“-Register. Dieses zu bauen ist ausgesprochen schwierig—ihre enge Mensur verlangt einen versierten Intonator—, sehr kostspielig und nicht immer erfolgreich. Johann Scheibe hatte sich jedoch speziell in der Konstruktion dieses recht seltenen Registers einen Namen gemacht. Selbst die Organisten der drei Leipziger Hauptkirchen lobten ihn für die erstaunlichen Verbesserungen, die er bei der Überarbeitung der Register fremder Orgeln erzielte: Scheibe verwendete „seine besondere Kunst“, so dass die Viol di Gamba „einen rechten Gamben-Ton von sich giebt, und wenn sie recht nach ihrer Natur tractiret wird, sich delicat hören lässt.“ Scheibe versprach, das Viol-di-Gamba-Register für Zschortau „als ein Geschenk zum Andencken“ zu bauen. Es hat den Anschein, als habe er mit der Konstruktion dieses seltenen und aufwendigen Registers seinem Geburtsort eine besondere Ehre erweisen wollen.
1870 wurde die Orgel auf eine neu errichtete zweite Empore verlegt und Eduard Offenhauer ergänzte neben anderen Veränderungen ein neues Manual mit vier Registern. 1954 wurde die Orgel wieder an ihren alten Standort zurückversetzt (und die neue Empore abgerissen). 1984 schließlich wurde auch das zweite Manual wieder entfernt. Eine umfassende und sehr erfolgreiche Restaurierung, zu der auch die Wiederherstellung der originalen Disposition gehörte, wurde im Jahr 2000 von der Orgelbau-Werkstatt Hermann Eule durchgeführt. Im Verlauf der Restaurierungsarbeiten wurden drei Inschriften freigelegt: „Johann Scheibe beÿ Einer löbl. universitat leipzig der Zeit Orgelmacher 1744“ fand sich im Windkasten des Pedals; „Johann Scheibe Orgelmacher Anno 1745“ tauchte in einem leeren Kanal der Pedalwindlade auf, und „Johann Hinrich Jentz von Lübeck 1745“ wurde in der Manualwindlade gefunden. (Jentz, der den Zschortauer Kontrakt als Zeuge unterzeichnet hatte, arbeitete einige Jahre mit Scheibe zusammen.) Das Gehäuse wurde 2009 vom sächsischen Landesamt für Denkmalpflege restauriert.
Quellennachweis:
Lynn Edwards Butler (Vancouver, Kanada)
Übersetzung: Stephanie Wollny
Fotos: Daniel Senf (Zschortau)
Scheibes Unterschrift mit freundlicher Genehmigung von Universitätsarchiv Leipzig